Mein Kopf wollte immer mehr, bis nichts mehr ging
Ich habe lange funktioniert. Im Job, in der Beziehung, im Alltag. Immer weiter, immer mehr – bis mein Körper eines Morgens einfach nicht mehr mitmachte.
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Es gibt einen Morgen, den ich nie vergessen werde. Es ist der Spätsommer 2011. Ich bin auf dem Weg ins Büro. Und ich biege ab. Nicht zum Büro – zum Arzt.
Ich weiß in diesem Moment nicht genau warum. Ich weiß nur: Ich kann nicht mehr und brauche Hilfe. Der Arzt hört mir genau zu und schaut mich an. Dann sagt er einen Satz, der mich bis heute begleitet: »Ich verstehe dich. Du bist am Ende. Du musst raus aus dem Hamsterrad.«
Und ich – der immer funktioniert hat, der immer weitergemacht hat, der sich nie erlaubt hat, schwach zu sein – ich habe in diesem Moment geweint. Nicht vor Schmerz. Sondern vor Erleichterung. Endlich hat jemand gesehen, was ich selbst nicht sehen wollte.
Wie war ich an diesen Punkt gekommen? Ich war immer jemand, der mehr wollte. Mehr Erfolg. Mehr Anerkennung. Mehr Beweis dafür, dass ich gut genug bin.
Im Job habe ich immer Gas gegeben. Und wenn es gut lief, habe ich die Messlatte immer höher gelegt. Vom einfachen Handwerker in den Vertrieb, dann Teamleiter, Regionsleiter und Niederlassungsleiter. Nicht weil jemand es von mir verlangt hat. Sondern weil ich es von mir selbst verlangt habe. Ich dachte, Leistung ist die Sprache, in der man Liebe und Anerkennung bekommt.
Zuhause war es nicht anders. Eine Beziehung, die schon lange nicht mehr stimmte. Ein fehlendes soziales Umfeld. Und ich, mittendrin – nach außen stabil, innerlich längst am Limit. Der Alkohol hat das alles übertüncht. Er hat mir das Gefühl gegeben, noch einen Tag mehr zu schaffen. Noch eine Woche. Noch einen Monat.
Bis dann gar nichts mehr ging und ich in eine Klinik gehen musste, ja sogar wollte, um mich wieder zu spüren.
Danach dachte ich, jetzt ändert sich was. Ich bin zurück von Oldenburg nach Frankfurt gezogen. Habe mich selbstständig gemacht. Und habe sogar eine Therapie begonnen.
Aber weißt du, was ich in dieser Zeit nicht gemacht habe? Ich habe mich nicht wirklich kennengelernt. Die Therapie hat mir zwar Werkzeuge gegeben. Aber ich habe sie benutzt, um weiter zu funktionieren – und nicht um mich selbst zu verstehen.
Ich habe noch mehr getrunken als davor und geglaubt, dass ich es nicht wert bin, eine Beziehung zu führen. Ich habe meine Gefühle immer weiter weggeschoben. Habe nach außen Fortschritt gezeigt – aber innerlich bin ich weiter stehengeblieben.
Das ist das, was niemand über Burnout erzählt: Ein Zusammenbruch verändert nicht automatisch dein Leben. Eine Therapie auch nicht. Solange du dir selbst nicht wirklich begegnest, läuft der gleiche Film weiter – nur mit einer neuen Kulisse.
Bei mir hat es noch viele Jahre gedauert, bis ich wirklich so weit war und genau hingeschaut habe – zwölf Jahre, in denen ich immer wieder an meine Grenzen gekommen bin, bis mir klar wurde: Ich führe ein falsches Leben und bin nicht bei mir.
Du musst dich selbst wirklich kennenlernen wollen. Nicht nur funktionieren. Sondern wirklich klar werden und wieder fühlen. So zu werden, wie du einmal warst, als du geboren wurdest.
Verantwortung beginnt nicht im Außen. Sie beginnt in dir.