Ich konnte Liebe nicht annehmen
Sylwia hat mir gegeben, was ich mir immer gewünscht hatte. Bewunderung. Zärtlichkeit. Bedingungslose Zuneigung. Und ich habe sie weggeschoben.
Folge erscheint bald · April 2026
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Es gibt Menschen, die dir zeigen, wer du sein könntest. Sylwia war so ein Mensch. Klug, feinfühlig, warmherzig. Wir haben uns auf Madeira kennengelernt. Sie hat mich vom ersten Moment an so gesehen, wie ich mich damals selbst nicht gesehen habe. Und sie hat mich sofort als den Vater ihrer Kinder gesehen.
Wir haben uns Nächte lang unterhalten. Über alles. Über das Leben, über Schmerz, über Sehnsucht, über große Gefühle und die Sehnsucht nach Liebe.
Bei meinem ersten Besuch kam eine Nacht, in der ich gegen die Decke gestarrt habe. Und mich plötzlich gefragt habe – laut, klar, unausweichlich: Was mache ich hier eigentlich?
Nicht weil Sylwia etwas falsch gemacht hat. Sondern weil ich plötzlich nicht mehr wusste, wer ich in dieser Beziehung bin und warum ich eine Partnerin habe, die so weit von meinem Traumort entfernt wohnt.
Sie hat mich täglich angerufen und oft geweint, weil sie mich vermisst hat. Ich habe sie auch vermisst, aber mit so viel Liebe und Sehnsucht war ich überfordert. Jeden Tag diese Traurigkeit. Diese Intensität. Diese Nähe.
Ich konnte das nicht kompensieren. Also habe ich mich distanziert. Still. Langsam. Ohne klares Wort.
Sylwia hatte zwei Seelen, die gegeneinander gekämpft haben. Ich habe gespürt, dass ich ihr helfen kann. Dass ich etwas in ihr berühre, das niemand zuvor berührt hat. Und ich habe es herausgefunden, habe ihren Code geknackt. Sie nannte mich daraufhin »Der Zauberer«. Und ihre Gefühle für mich wurden dadurch immer stärker. Auch damit war ich überfordert und konnte diese Gefühle nicht annehmen.
Sie war für drei Wochen zu Besuch bei mir, alles verlief wie in einem Traum. Und dann, ein paar Tage vor ihrer Abreise, kam das Angebot aus China. Sie hat sofort zugesagt. Und ab diesem Moment war alles anders. Nicht weil wir uns gestritten hätten. Sondern weil ich spürte: Sie ist innerlich schon woanders. China war ihre neue Welt. Und ich war plötzlich Teil der alten.
Kurz vor unserem nächsten Treffen hab ich viel getrunken und aus Ungeduld Schluss gemacht. Noch in derselben Nacht hab ich es wieder zurückgenommen. Weil ich sie geliebt habe und nicht verlieren wollte. Aber ich wusste auch nicht, wie es weitergehen soll. Weil es nicht nur um China ging, sondern auch um ihren Kinderwunsch. Ich sollte ihr Partner sein, niemand anderes – aber ich wollte keine Kinder mehr haben.
Dann kam ein Samstag. Der Tag vor meinem Geburtstag. Sylwia war in der Akademie und ich war allein in ihrer Wohnung. Mir ist die Decke auf den Kopf gefallen und ich hab mittags angefangen zu trinken. War traurig, dass sie nicht bei mir ist. Anstelle zu ihr zu gehen, habe ich weiter getrunken. Das Gedankenkarussell hat sich weiter gedreht.
Ich konnte die Situation zwar noch retten. Aber Sylwia hat sich danach zurückgezogen und hat überlegt, was sie machen soll. Ein paar Tage ans Meer und den Kopf frei bekommen.
In dem Moment, als ich spürte, dass sie geht – wollte ich kämpfen. Aber es war schon zu spät. Nicht weil sie nicht mehr da war. Sondern weil ich zu lange nicht da gewesen war. Für sie. Und vor allem für mich.
Sylwia wollte geliebt werden. Wirklich geliebt. Mit Klarheit. Mit Präsenz. Mit Mut. Von einem starken Mann. Und ich hatte zu viel Angst, um ihr das zu geben. Nicht Angst vor ihr. Sondern Angst vor mir selbst. Davor, mich wirklich zu zeigen. Davor, wirklich zu wollen. Davor, wirklich da zu sein.
Liebe annehmen bedeutet, sich selbst für würdig zu halten. Das konnte ich damals nicht. Heute kann ich es.
Verantwortung beginnt nicht im Außen. Sie beginnt in dir.