Staffel 1  ·  Folge 08  ·  6. Mai 2026

Ich hab mich oft kleiner gefühlt als ich bin

Nach meinem Klinikaufenthalt 2012 stand ich plötzlich wieder in Frankfurt. Neue Diagnose. Keine Beziehung und Familie.

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Ich komme aus der Klinik und ziehe zurück nach Frankfurt. Zurück in eine Stadt, die ich schon viele Jahre kenne und in der ich wieder ein soziales Umfeld habe. Und trotzdem – ein Gefühl der Leere, das ich nicht erklären kann.

Keine Beziehung mehr und keine Familie um mich herum. Und eine Diagnose, mit der ich nicht weiß, was ich damit anfangen soll: Borderline-Syndrom – das ist eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung. Ich soll eine Störung haben und dann auch noch emotional. Meine erste Reaktion war: Das kann doch nicht sein, ich bin doch so feinfühlig.

Ich habe lange gebraucht, um das anzunehmen. Nicht weil ich es nicht glaubte. Sondern weil ich dachte: Das bin nicht ich. Das kann ich nicht sein.

Aber das bin ich. Ich bin instabil, kann Gefühle von anderen Menschen, speziell Frauen, nicht ohne Einschränkung annehmen. Aber ich bin es so gewohnt – mein ganzes Leben lang. Und in dieser Zeit hab ich zum ersten Mal gespürt, wie weit ich mich von mir selbst entfernt habe.

Es gibt Tage, an denen ich mich nicht traue, in einen Supermarkt zu gehen. Nicht weil ich krank bin. Sondern weil Menschen da sind. Ich – der immer offen war, immer kontaktfreudig, der immer einen Witz parat hatte, Menschen zum Lachen gebracht hat – da stand ich nun vor einer Supermarkttür und bin wieder gegangen. Unglaublich aber wahr.

An einem Nachmittag sitze ich in einem Café. Mir gegenüber eine Frau. Interessant. Offen. Schön. Sie lächelt mich an und bittet mich, auf ihre Tasche aufzupassen, während sie einen Moment weg ist.

Und weißt du, was in diesem Moment in mir vorgeht? Nicht: Ich spreche sie an und führe ein tolles Gespräch. Nein, ich denke: »Die will sowieso nichts von mir. So eine Frau bekomme ich nie. So eine Frau hab ich nicht verdient.«

Noch bevor ich auch nur ein Wort gesagt habe, hatte ich mich bereits verurteilt. Das ist das Gefühl, sich kleiner zu fühlen, als man ist. Nicht einmal eine kleine Chance geben. Mir selbst.

Aber hinter all dem steckt noch etwas anderes, tief versteckt. Als ich aus der Klinik komme, verabschiede ich mich noch von meiner lieben Tochter Kathleen. Sie ist damals erst drei Jahre alt und mein ganzer Stolz.

Und in diesem Moment, als ich die Tür aufmache, kommt sie auf mich zugerannt. Strahlend. Mit dieser süßen Stimme, die ich nie vergessen werde: »Der Papa ist wieder da! Der Papa ist wieder da!«

Dieses Bild lässt mich an einem Abend nicht mehr los. Immer wieder, immer wieder sehe ich sie auf mich zukommen. Dieses strahlende Gesicht. Und ich weiß: Ich bin nicht mehr jeden Tag für sie da, bin nicht mehr der liebe Papa, der mit ihr jeden Tag kuschelt und spielt. Es zerreißt mir mein Herz.

Und in dieser Nacht spüre ich mein Inneres Kind, zum ersten Mal wirklich. Ich habe viel geweint. So wie ich als kleiner Junge geweint habe – allein, ohne zu wissen, wann jemand wiederkommt.

Es gibt Momente in dieser Nacht, die sehr dunkel sind. Dunkler als alles zuvor. Aber ich bin durch sie hindurchgegangen.

Heute weiß ich: Diese Nacht war kein Tiefpunkt ohne Sinn. Sie war der Moment, in dem mein Innerstes endlich gehört werden wollte. Das kleine Kind in mir. Das nie genug Nähe bekommen hat. Das immer gewartet hat, dass jemand bleibt.

Sich kleiner fühlen als man ist – das ist kein Charakter. Das ist eine tiefe Wunde. Und Wunden brauchen keine Stärke und keinen Alkohol. Sie brauchen Ehrlichkeit und viel Liebe.

Heute sehe und fühle ich mich, in meiner ganzen männlichen Energie und Herzlichkeit.

Verantwortung beginnt nicht im Außen. Sie beginnt in dir.

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